Das Haus am Ende der Straße

Version I


Am Ende der Straße steht ein seit Jahren verlassenes Haus. Nur wenige der heutigen Nachbarn erinnern sich an die letzten Bewohner. Viele Häuser haben ihren Besitzer gewechselt.


Damals, als die Siedlung gebaut wurde, zogen Familien ein, so hoffnungsvoll und voller Pläne, wie ihre Nachfolger. Was mag aus ihren Träumen geworden sein? Einige sind vielleicht verstorben, andere haben sich getrennt. Die Kinder sind längst erwachsen und führen ihr Leben in anderen Teilen der Welt.


Wieder andere haben vielleicht festgestellt, dass sich ihre Träume in dieser Siedlung nicht verwirklichen lassen und sind einfach gegangen, ohne bleibende Spuren zu hinterlassen.


Aber stellen wir uns vor dass sie ihre Träume und Hoffnungen zurück gelassen haben und dass sie sich in das eine Haus am Ende der Straße zurückgezogen haben, das da als einziges immer noch leer steht – seit wie vielen Jahren weiß niemand.


Wartet das alte Haus nur darauf, dass jemand kommt, es zu kaufen, der sich eines der Träume wieder annimmt? Ist es am Ende das Haus, das sich den Käufer aussucht und nicht umgekehrt?


Täglich komme ich auf meinen Wegen an diesem Haus vorbei. Zu gerne würde ich hinein sehen. Doch die Fenster sind vernagelt, seit Unbefugte mehrmals versucht haben, einzudringen. Nein meine Lieben, stehlen lassen sich Träume nicht, nicht einmal für eine gewisse Zeit ausborgen. Das wird nicht funktionieren, wenn dein Traum nicht so banal ist, wie ein Dach über dem Kopf für eine Nacht. Der Eindringlich wird keine Erfüllung finden.


Stellen wir uns vor, am Anfang der Straße befand sich damals noch eine ungenutzte Wiese. Ohne Hülle, ohne Wände, für jeden frei sie zu betreten.


Inzwischen steht dort ein hohes Gebäude mit mehr Bewohnern, als es die restliche Siedlung hat. Seniorenresidenz nennt sich die Einrichtung. Viele der Menschen dort schaffen es nur noch mit Mühe in ihren Rollstühlen und an ihren Rollatoren bis zu dem Traumhaus am Ende der Straße.


Und auch und gerade sie haben ihre Wünsche und Träume und keiner von ihnen kann und vor allem will sie zurück lassen, wie die Anderen, die gegangen sind.


An einem Nachmittag kurz vor Weihnachten sitzen sie zusammen und hören ein Märchen von einem Männlein, das demjenigen Wünsche erfüllt, der ihn aus einem alten Teppich befreit.


Das weckt Erinnerungen. Man lächelt still. Sind wir nicht längst zu alt geworden, um an Märchen zu glauben? Aber ist es nicht eine schöne Vorstellung, dass der letzte Besitzer des Hauses am Ende der Straße so einen Zauberteppich zurückgelassen hat, weil er nie hinter sein Geheimnis gekommen ist?


Wäre es nicht schön, wie ein Kind daran glauben zu können, dass es dort etwas gibt, das die Wünsche denjenigen erfüllt, die am Ende ihres Lebenswegs hierher gekommen sind und die nur noch so wenig wünschen, dass sie nicht einmal drei Träume nennen können?


Das Haus am Ende der Straße

Version II


Das Haus am Ende der Straße gibt es schon lange nicht mehr.. Niemand hat sich je die Mühe gemacht, die Ruine abzureißen.


Ich war erst elf Jahre alt, als es geschah und ich weiß es noch, als wäre es gestern geschehen. Ich bin eines der drei Kinder, die überlebten.


Mara war meine beste Freundin. Wenn die Bösen kamen, klammerten wir uns aneinander und hofften, das uns das uns vor dem unvermeidlichen bewahren würde. Und danach weinten wir dicht aneinander gekuschelt in meinem Bett, das näher an der Wand stand und schwerer zu erreiche war von denen, die uns unsere Unschuld raubten. Wir sprachen kein Wort, das war auch nicht nötig, jede wusste, was die Andere fühlte und dachte.


Wir waren erst elf, bekamen noch nicht einmal unsere Periode. In der Schule saßen wir nebeneinander. Wir waren Außenseiter. Die aus dem Heim Die mit den komischen Kleidern statt der Jeans, die alle trugen. Mit den geflochtenen Zöpfen. Mit den altmodischen Brillengestellen. Die nie ihren Geburtstag feierten und auch nie zu Feiern eingeladen wurden.


Dann war da noch Karin. Sie war schon fünfzehn und für uns unerreichbar. Niemals hätte ich gedacht, dass sie mit ihr dasselbe taten. Sie wirkte so stark und selbstsicher. Mit den Großen verbrachte sie die Pausen in der Raucherecke.


Seit Jahren hatte ich nicht mehr an sie gedacht. Bis ich gestern die kurze Notiz in der Zeitung las. „Der Feuerteufel ist gestorben“, so eine Überschrift kann nur die Zeitung mit den vier großen Buchstaben bringen. Für sie war Karin immer die Böse, das Böse.


Ja, sie ist verantwortlich für den Tod von vier kleinen Mädchen, die den Flammen nicht entkommen konnten. Nur Mara und ich schafften es hinaus und Karin, die gar nicht erst im Haus war.


Was aus den Erziehern wurde hat man uns nie gesagt. Sie verschwanden aus meinem Leben genau wie Mara, die irgendwo anders hingebracht wurde als ich.


Ich habe es überlebt, im doppelten Sinne. Und bis gestern konnte ich das Erlebte mehr oder weniger verdrängen. Nur wenn ich gelegentlich aus einem Alptraum aufwachte, kamen die Erinnerungen zurück und ich dachte an Mara, deren Nachname zu häufig ist, um sie nur damit im Internet zu finden.


Und dann kam diese Freundschaftsanfrage bei Facebook. Ich erkannte sie sofort an ihrem Profilbild, auch wenn sie 40 Jahre älter geworden ist, genau wie ich. Ich bestätigte sofort. Jetzt stehe ich hier vor dem Tor zum Haus am Ende der Straße und irgendwie weiß ich, dass auch sie nicht weit ist.


Die Täter sind vermutlich tot wie Karin. Und selbst wenn nicht, wird man sie nicht mehr zur Verantwortung ziehen können. Aber vielleicht hilft mir dieses Wiedersehen helfen, endgültig mit der Vergangenheit abzuschließen, in Maras Armen.