„Herr Müller, keinen Schreck kriegen. Der Herr muss nur schnell etwas in Ihrem Zimmer prüfen.“
Elfriede Mümmelmann schrak zusammen, als sie den uniformierten Polizisten erblickte. Auch wenn sie sich schon seit Jahren nichts mehr hatte zu Schulden lassen, jagte ihr dieser Anblick immer noch kalte Schauer über den Rücken.
Jetzt klopfte der Pfleger, der den amtlichen Herrn begleitete an der nächsten Tür des Seniorenheims und sagte sein Sprüchlein auf. Aus dem Zimmer erklang die schrille Stimme einer Mitbewohnerin. Offensichtlich war auch sie nicht mit dem Besuch einverstanden. Elfriede hörte, wie der Beamte erklärte, dass er nur eine vermisste Bewohnerin suchte. Elfriede wandte sich enttäuscht ihrem eigenen Zimmer zu. Das würde also doch kein spannender Abend werden. Selbst Derrick fiel wegen einer Fußballübertragung aus.
Als sie die Tür öffnete wunderte sie sich, dass die Rollläden heruntergelassen und das Zimmer stockfinster war.. Sie tastete an der Wand nach dem Lichtschalter und als sie wieder etwas erkennen konnte, erblickte sie zu ihrer Überraschung ihren Neffen Günther, der einen Zeigefinger vor seinen Mund hielt.
Was mochte er nur wieder angestellt haben? Müsste er nicht immer noch seine Strafe für den letzten Bankraub absitzen? Auf jeden Fall sollte er besser nicht der Polizei über den Weg laufen. Sie schob die Tür ins Schloss und sah sich nach einem geeigneten Versteck um.
Ihr Zimmer war zweckdienlich aber karg eingerichtet. Nach ihrem letzten Gefängnisaufenthalt hatte sie weder eigene Möbel noch Geld, um sich neue zu besorgen, mehr gehabt. Das Einzige...
Mit einem hastigen Griff sie die Klinke der Badezimmertür. Zum Glück war die Wäschetruhe am Morgen geleert worden. Günther war immer relativ klein und drahtig gewesen. Oft war er deshalb in seinem Beruf nicht ernst genommen oder anhand der Personenbeschreibung schnell identifiziert worden. Dieses Mal würde ihm seine geringe Körperlänge nützlich sein.
Elfriede winkte Günther ins Bad und zischte ihm zu, er solle sich in der Truhe verstecken.
„Aber, aber, aber“ stotterte Günther. Am Ende beugte er sich aber der sanften Gewalt, mit der ihn die Tante in die Truhe stopfte.
„Bleib da drin,rühr dich nicht und gib keinen Laut von dir“ zischte Elfriede. Wie viel Zeit blieb ihr noch, bis der Bulle ihr Zimmer erreichte? Hastig ließ sie den Rouladen nach oben. Der würde bei strömendem Regen am Mittag nur Verdacht erregen. Sie lauschte an der Tür und hörte ihren Zimmernachbarn Herrn Krone zetern. Klar, dass der sich die Durchsuchung nicht gefallen lassen würde, hatte er als Diabetiker doch einen großen Vorrat an Schokolade in seinem Zimmer.
Schon klopfte es auch bei ihr. Der Pfleger öffnete mit seinem Generalschlüssel die Tür.
„Frau Mümmelmann, der Herr muss einmal bei Ihnen nach dem Rechten sehen. Frau Kiesewetter aus dem dritten Stock wird seit heute morgen vermisst. Es kann sein, dass sie sich in einem der Zimmer versteckt hat und Sie waren doch den ganzen Tag nicht da.“
Elfriede rang sich ein Lächeln der Verzweiflung ab. Vermisste Bewohner waren sicher ein guter Vorwand für eine Hausdurchsuchung. Frau Kiesewetter mit ihrer Demenz war schon öfter ausgerückt. Warum war Günther nur ausgerechnet zu ihr gekommen? Es war doch klar, dass die Bullen zuerst bei ihr als seiner nächsten Verwandten suchen würden.
„Mümmelmann? Kann es sein, dass sie die ehemalige Bankräuberin sind, hinter der mein Großvater jahrelang her war, bevor er sie endlich zur Strecke gebracht hatte?“
Erschrocken, aber auch ein bisschen stolz sah sie auf sein Namensschild. Er hatte Recht.
„Aber jetzt habe ich meine Strafe abgesessen und hier wissen auch alle über meine Vergangenheit Bescheid. Ich bin jetzt im Bankräuber-Ruhestand.“
In der Jacke des Polizisten piepte ein Funkgerät.
„Gefunden? Wo war sie denn? Was, im Park nebenan? Warum wurde dort nicht gleich gesucht? Dann können wir die Suche ja abblasen. Bringt ihr sie zurück?“
Er nickte und bellte noch ein paar Anweisungen in das Gerät.
„Hat sich erledigt, Frau Mümmelmann, die Dame ist wohlbehalten wieder aufgetaucht. Schön, Sie bei der Gelegenheit kennengelernt zu haben.“
Mit diesen Worten verschwanden der Pfleger und der Polizist, ohne das Zimmer,geschweige denn das Bad eines Blickes zu würdigen. Elfriede ging zu einem Stuhl am Fenster, ihr waren die Knie weich geworden. Erst jetzt fiel ihr Blick auf den Tisch, auf dem ein Blumenstrauß, ein Kuchen und zwei Päckchen in Geschenkpapier lagen.
„Darf ich jetzt endlich raus kommen und dir zum Geburtstag gratulieren?“
Günther erschien in der Tür zum Badezimmer.
„Aber ich dachte, du sitzt immer noch im Knast und bist getürmt.“
„Quatsch Tante Elfi. Ich bin doch schon letzte Woche wegen guter Führung entlassen worden. Da wollte ich dich doch an deinem Ehrentag überraschen.“
Tja, den hatte sie ganz vergessen. Nun würde es doch noch ein schöner Nachmittag werden. Frau Mümmelmann nahm sich vor, Frau Kiesewetter ein Stück vom Geburtstagskuchen abzugeben.